Samstag, 28. Juni 2008

Grönland, Tag 6 (II) - Waschtag

Mittags hatten wir kein großes Mittagessen, weil wir ja auf Gerd und etwaige Fische hofften, die es dann zum Abendessen geben sollte. Es gab also belegte Brote, und danach wollte ich meinen schon lange gefaßten Plan verwirklichen und mich und auch einige Wäschestücke waschen.

Das Thema Waschen und Toilette hat ein paar erklärende Worte verdient, in Grönlands Wildnis ist das nämlich etwas anderes als das, was man gewöhnlich darunter versteht.

Im Basislager Tasiilaq bestand unsere Waschgelegenheit, sofern man nicht bis in den Ort hinein zum öffentlichen Dusch- und Waschhaus laufen wollte (man erinnere sich: den Berg hinunter, an den Schlittenhunden vorbei, den nächsten Berg wieder hoch, an einem langen Hang quer entlang, da ins Tal runter, über den Fluß und dann links hoch ins Flußtal – also nichts für mal eben in 10 Minuten!), aus einem bis auf eine Art Tisch leeren „Zimmer“ in einer windschiefen Bretterbude, das man immerhin mit etwas Aufwand sogar abschließen konnte, einer Plastikwaschschüssel, die schon bessere Zeiten gesehen hatte, und kaltem Wasser, was man mit besagter Schüssel aus dem Wassertank am Gebäude gegenüber holen konnte.

Sobald wir Tasiilaq verlassen hatten, muß man sich jetzt die Bretterbude wegdenken, die Tür sowieso, den Tisch auch, die Waschschüssel auch und den Wassertank ebenfalls.

Kaltes Wasser gibt's entweder als Salzwasser im Fjord, zu erreichen meist durch Kraxeln über irgendwelche Felsen, oder in Form eines Bachs, der in Tiniteqilaq etwa 20 min. Felskraxelei entfernt war und beim nächsten Camp auch so etwa 10 min. Steinekraxelei den Hang entlang. Hier in Paarnakajiit gibt es Süßwasser nur in Form von Eisbergen, die aus dem Fjord zu fangen sind (inklusive Kraxeln); der nächste Süßwasserbach ist der Abfluß des Spiegelsees oben, und man sieht ja auf den Fotos, wie weit das vom Camp weg ist. So viel dazu.

Na ja nun, fürs Waschen reicht ja im Zweifelsfall Salzwasser. Aber solche Aktionen wie 'ich wasch mir mal eben die Hände' sehen so aus: Zum Zelt gehen, Bioseife holen, damit runter bis zum Fjord klettern (und fluchen, daß man dank der Seifenflasche keine zwei Hände frei hat, weil man dachte, für mal eben Händewaschen bräuchte man den Rucksack nicht auch noch mitzuschleppen), einen Felsen suchen, wo man mit den Händen ans Wasser drankommt, ohne kopfüber ins Wasser zu fallen (die Lebenserwartung in arktischen Gewässern liegt nach dem Reinfallen bei allerhöchstens 10 Minuten, da war was), Hände waschen. Dann das Ganze rückwärts. Anfangs hat man vielleicht noch ein Handtuch mitgenommen, um sich die Hände nach dem Waschen im eiskalten Wasser wenigstens abtrocknen zu können, aber dann hat man wiederum ein kaltes, nasses Handtuch, was man irgendwie im Gepäck unterbringen muß, wenn man nicht – wie hier – wenigstens einen Tag dableibt und gleichzeitig das Wetter so ist, daß auch irgendetwas trocken wird. Na, dann halt nicht.

Anfangs hatte ich es bedauert, daß ich meine feuchten Handwischtücher, die es in der Zivilisation zum schnellen Händesäubern ja gibt, nicht dabei hatte – aber das stellte sich sehr bald als Vorteil heraus, denn ich hatte bei dem Gedanken etwas anderes vergessen: wir mußten ja unseren gesamten Müll auch mitnehmen! Diese Dinge wären also nur unnötiger Müll gewesen, den ich hätte irgendwie im Gepäck unterbringen müssen, und ich hätte ziemlich geflucht, hätte ich sie dabeigehabt.

(Apropos Müll – der Gang zur Toilette gestaltete sich ähnlich mühsam wie das Händewaschen. Zwar waren diese 'Geschäfte' unvermeidbarer organischer Müll, der eben dableiben mußte, aber das Toilettenpapier wollten wir auch nicht gerade in der Gegend rumliegen lassen. Immerhin konnte man das verbrennen. 'Ich geh mal grad aufs Klo' bestand also aus erst einmal dem Gang zum Zelt, um die Klopapierrolle und das Feuerzeug zu holen. Dann mußte man sich einen Platz suchen, der weit genug von den Zelten entfernt war, so daß nichts unangenehm auffallen würde. Außerdem wollte man auch noch außer Sicht der Zelte oder zumindest rumlaufender Leute sein, was sich in einem Land, das keine Bäume und kaum Büsche kennt, auch als nichttriviales Problem erweist. Schutz vor Regen gibt's nicht, und Windschutz... da ist man auf günstig gelegene Felsen angewiesen. Manchmal mußte man sich auch zwischen Sicht- und Windschutz entscheiden - entweder oder -, denn Felsen auf mehr als einer Seite waren auch wieder schwierig zu finden. Und was das Händewaschen nach dem Toilettengang betrifft, das ist ja oben nachzulesen.)

Also, ich wollte ein paar Wäschestücke und mich waschen, das hatte ich vor. Kosh lasse ich mit einem Buch am Fjord zurück (ganz unten am Wasser, da sind die wenigsten Mücken) und mache mich auf den Weg für diese mittlere Expedition.



Kosh, umgeben von Eisbergen


Als passenden Waschplatz hatte ich mir von oben aus ja schon einmal die Buchten an der Südostseite von Paarnakajiit ausgeguckt. Da würde ich auch weit genug weg von allem Plätzen sein, wo Gerd vielleicht auf der Suche nach Fischen war. Nun muß ich vom Camp aus erst einmal da runterkommen, und zwar so, daß ich auch wieder hinaufkomme. Auf die Wanderschuhe habe ich verzichtet, um nicht noch mehr unnötiges Zeug mitzuschleppen, denn mit den Wandersandalen kann ich ja direkt ins Wasser laufen. Allerdings sind die fürs Querfeldeinkraxeln nun mal nicht ganz so gut geeignet wie die hohen Wanderschuhe - die Sohlen sind zwar gut genug, aber man kriegt Sand rein und kleine Steine, wenn man damit eine Miniaturschlucht voll Sand und Steine halb hinunterklettert und halb rutscht, um nach unten zu kommen. Für wieder rauf würde ich mir einen felsigeren Weg aussuchen, da gab es einige, aber Klettern kann ich rauf nun mal besser als runter.

Unten angekommen, lohnt sich allerdings die Aussicht. Diesmal habe ich, in Anbetracht der letzten Erkenntnisse beim Gang auf die Toilette, die Kamera wohlweislich mitgenommen.



Mein Waschplatz...




...auch umgeben von Eisbergen.


Also, waschen. Zuerst wollte ich mich waschen, um während des Klamottenwaschens dann wieder warm zu werden. Das Wasser teilt man sich schließlich mit den Eisbergen, genau so kalt ist es auch. Wer den Effekt gern nachbauen möchte, kann einen Eimer mit kaltem Wasser und Eiswürfeln füllen, die Eiswürfel eine Weile darin ziehen lassen, so daß sich die Wassertemperatur ihnen angleicht, und sich den Inhalt des Eimers über den Kopf kippen. Vielleicht auch erst mal über die Füße.

Nun habe ich natürlich keinen Eimer (ich glaube, wir hatten nur Töpfe dabei, die wir sowohl zum Wasser- und Eisbergholen wie auch zum Kochen verwendet haben... alles andere wäre unnötiger Ballast gewesen). Deshalb habe ich mir eine halbwegs dichte Plastiktüte mitgenommen und meinen Plastikbecher, schließlich dachte ich nicht daran, weiter als bis zu den Knien ins Wasser zu gehen.

Draußen finde ich es nicht sonderlich kalt, es ist sonnig und die Bucht vor allem windgeschützt, was noch wichtiger ist. Also, auf geht's. Die Klamotten auf einem handlichen Felsen geparkt, Seife in Reichweite gestellt, die Plastiktüte mit Wasser gefüllt, und den Inhalt über den Kopf gekippt. Bah.

Immerhin funktioniert diese Bioseife auch mit Salzwasser, also schnell die Haare eingeseift und... leider braucht man zum Ausspülen noch mehr und gründlicher kaltes Wasser als vorher, so daß ich auch über den Becher froh bin, denn mit dem geht das schneller als mit der Tüte, auch wenn's halt weniger Wasser auf einmal ist. Aber nach dem ersten Kälteschock wird's besser. Trotzdem bin ich froh, als die Haare eingewickelt ins Handtuch nun trocknen und ich diesen Teil der Aktion hinter mir habe. Ich will mich aber nicht beschweren, denn die Aussicht entschädigt doch für alles.



Kalt, aber dafür gibt's Aussicht.


Der Rest des Waschens geht vergleichsweise fix von der Hand, und das extra für Grönland gekaufte große High-Tech-Handtuch bewährt sich. Es wiegt sehr wenig und trocknet sehr schnell. Vor allem läßt es sich auch leicht auswringen, so daß man es selbst im nassen Zustand ziemlich gut trockenkriegt und gleich wieder als Handtuch verwenden kann.

Beim Klamottenwaschen merkt man auch deutlich den Unterschied zwischen Baumwolle und High-Tech-Kunstfaser. Ein einziges Baumwollshirt habe ich dabei (das werde ich auch nie wieder tun...), das muß ich waschen und es benimmt sich danach wie ein nasser Sack. Die Sportsachen sind im Vergleich dazu in Nullkommanix trocken. Und dabei sind die nicht mal superteuer gewesen, sondern das meiste davon ist Fitnesszeugs aus dem Sonderangebot von Aldi, was ich zum normalen Sport auch trage.

Nasse Sachen sind der natürliche Feind von Streckenwanderungen und Zelten - wenn es draußen feucht ist, müßte man die nassen Sachen eigentlich mit ins Zelt nehmen, sonst werden sie noch nasser. Nasse Sachen will man aber überhaupt nicht im Zelt haben, also raus. Dann bleiben sie aber naß.

Während der Wanderstrecke müßte man die nassen Sachen entweder mitschleppen (im wahrsten Sinne des Wortes 'schleppen' - nasse Baumwolle wiegt irgendwie mehr als der Stoff und das Wasser darin zusammen) und irgendwie an sich festbinden, damit sie trocknen (was dann meistens dazu führt, daß man sie gar nicht hätte waschen brauchen, wenn man mal wieder beim Runterklettern eines Abhangs irgendwo auf dem Boden rumschleift), oder man stopft sie in einen wasserdichten Plastiksack ins Bootsgepäck. War der Sack dicht, sind die nachher noch genauso naß wie vorher und das Problem bleibt bestehen. War der Sack nicht dicht, sind alle anderen Sachen auch naß, also achtet man drauf, daß der Sack auch wirklich dicht ist, denn MEHR nasse Sachen ist so ziemlich das Allerletzte, was man haben will.

Klamotten waschen ist also - wer hätte das gedacht - auch wieder mal nicht so einfach, wie es klingt. Aber wir haben ja diesen schönen Ruhetag, und die Sonne scheint. Die Aussichten, das trockenzukriegen, sind also sehr gut.

Bald sind die Sachen sauber, und mal abgesehen davon, daß ich am Spülsaum wie eine Art Anti-Gecko ständig vor- und zurückrenne, weil das Wasser zu kalt ist, als daß man darin lange rumstehen wollte, auch wenn's nur knöcheltief ist, fühle ich mich wie neu, naja, eher wie frisch gewaschen. Außer an den Füßen ist mir nicht kalt, und das Gefühl, endlich mal wieder komplett sauber zu sein, ist klasse. Ich lasse also die Haare offen trocknen, wickele mich in das Handtuch und mache Fotos von der Aussicht.



Und von dekorativem Seetang auf den Steinen...




... für den ich sogar im Wasser herumtapse, um ihn dekorativ aufs Bild zu bekommen. Brrr.


So, nun ist es aber Zeit, daß ich wieder ins Lager zurückklettere, denn schließlich will ich hier nicht den Tag lang Waschweib spielen. Wenigstens habe ich noch ein paar frische Sachen im Gepäck gehabt, so daß der wohlige Sauber-Effekt auch nach dem Anziehen anhält. Die nassen Klamotten werden ins Handtuch gewickelt, und ich suche mir einen felsigen Weg hoch, so daß ich nicht wieder unerwünschte Dinge in die Schuhe bekomme.



Blick von oben auf die Bucht


Da unten war ich gerade.



Wolkenformationen


Der Himmel zeigt sich auch von seiner besten Seite. Über dem Nordwestteil des Fjords hängt eine Wolkenwand, die aber nicht so aussieht, als ob sie irgendwas von uns wollte. Uns ist das sehr recht, wir wollen auch nichts von ihr.



Auf dem Rückweg zum Lager. Links Sonne, rechts Wolkenwand.




Nochmal der Blick zurück über die 'Badebucht'


Besseres Wetter und einen besseren Platz hätten wir uns für einen Tag Ruhe echt nicht aussuchen können!



Ich kann mich nicht entscheiden, ob das quer oder hochkant besser aussieht!


Zurück im Lager:



Kosh gönnt sich ein entspannendes Nickerchen

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

...und geht danach auch sich waschen. Wenn auch ohne Tüte und Becher, aber dafür mit den Händen schöpfend ;)

Außerdem sind Eisberge ein prima Platz zur Ablage von Kleinteilen wie Brillen.

Kari hat gesagt…

Deine Berichte sind großartig, Ranwen! Mehr davon, bitte :)

@Eisberge und Ablage von Kleinteilen: Naja, solange die Eisberge dann nicht abgetrieben werden, ist ja alles gut ;)